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Verschwindet die Oberfläche wirklich?

Autorenbild: Gunnar Terrahe
Gunnar Terrahe
3. Sept.
5 Min. Lesezeit

Warum KI-Assistenten Software nicht abschaffen, sondern ihre Aufgabe verschieben

Ich habe kürzlich mit Sistrix gearbeitet, ohne Sistrix zu öffnen.

Suchvolumina, Wettbewerbswerte, Suchintentionen, rankende Seiten. Alles abgefragt, alles ausgewertet. Ich habe im Dialog danach gefragt, der Assistent hat die Daten über eine Schnittstelle geholt. Keine Menüs, keine Filter, keine Exporte. Bei Screaming Frog, das bei mir über einen MCP Server angebunden ist, funktioniert es genauso.

Das klingt nach einer Bequemlichkeit. Ich halte es für den Beginn einer Verschiebung, und sie betrifft nicht nur SEO-Werkzeuge.


Wofür man eigentlich bezahlt hat

Solche Werkzeuge bestehen aus zwei Teilen, die man lange nicht auseinanderhalten musste. Der eine Teil ist die Substanz: über Jahre aufgebaute Datenbestände, Infrastruktur, Rechenleistung, Fachlogik. Der andere ist die Oberfläche: Menüs, Filter, Diagramme, alles, was diese Substanz für Menschen zugänglich macht.

Vergleich zweier Oberflächen, links ein Analyse-Dashboard, rechts dieselbe Information als kurze Antwort

In der Wahrnehmung der meisten Anwender war die Oberfläche das Produkt. Man hat sich eingearbeitet, man kannte die Wege, man wusste, wo welche Auswertung liegt. Diese Einarbeitung war eine Investition, und Investitionen binden. Niemand wechselt nach drei Jahren wegen zehn Prozent Preisunterschied.

Genau diese Bindung löst sich gerade auf. Wenn der Assistent die Abfrage formuliert, ist der Aufbau des Menüs bedeutungslos.

Die Substanz dagegen bleibt wertvoll. Ich habe an diesem Nachmittag mehr Abfragen gestellt als in einer normalen Sitzung, weil jede einzelne kaum noch Aufwand kostet. Der Datenbestand wurde intensiver genutzt als vorher, nicht seltener.


Warum das bei mir funktioniert und bei den meisten nicht

An dieser Stelle ist eine Einschränkung fällig, sonst klingt die Beobachtung nach einem allgemeinen Zustand, den sie nicht beschreibt.

Bis dieses Setup lief, habe ich Konfigurationsdateien bearbeitet, Zugänge eingerichtet, Fehlermeldungen gelesen und mehr als einmal von vorn angefangen. Ich weiß außerdem, welche Kennzahl ich brauche und wie ich eine Antwort auf Plausibilität prüfe. Ohne dieses Vorwissen wäre der Dialog mit einem Assistenten kein Vorteil, sondern ein Risiko, weil man falsche Zahlen nicht als falsch erkennt.

Der generalistische Assistent ist also kein Zugang für alle. Er ist ein Zugang für Menschen, die das Fachgebiet ohnehin beherrschen. Das ist der Grund, warum ich nicht an das eine große Chatfenster glaube, das für jeden alles löst.


Die Zwischenstufe

Im vergangenen Dezember habe ich auf LinkedIn über generative Oberflächen geschrieben. Über die Vorstellung, dass Websites irgendwann keine feste Struktur mehr haben, sondern für jeden Nutzer im Moment der Anfrage erzeugt werden. Das war ein Blick auf den Fernpunkt, und ich halte ihn weiterhin für plausibel.

Was ich seitdem beobachte, ist konkreter und unspektakulärer. Die Oberfläche wird nicht neu erfunden. Sie wird zunächst schlicht übersprungen.

Dazu passt eine These, die kürzlich auf HackerNoon erschien: Das Model Context Protocol tue mit Apps das, was HTTP mit Desktop-Software getan habe. Anthropic hat dieses Protokoll Ende 2024 veröffentlicht. Es standardisiert, wie KI-Systeme auf Werkzeuge und Datenquellen zugreifen, sodass für jede Verbindung nicht mehr eine eigene Schnittstelle nötig ist. Der Autor folgert daraus, dass die App als zentraler Ort der Softwarenutzung an Bedeutung verliert.

Die Beobachtung teile ich, die Schlussfolgerung nur zur Hälfte.

Betroffen sind nicht nur Apps, sondern jede Software, deren Wert an einer eigenen Oberfläche hängt. Das Analysewerkzeug ebenso wie das Buchungssystem, das Reporting-Portal oder das Kundenkonto, in das sich jemand einloggen muss, um eine Rechnung herunterzuladen. Überall dort war die Oberfläche nie der eigentliche Wert, sie war der einzige verfügbare Zugang.

Und deshalb verschwindet sie auch nicht. Sie wechselt ihre Aufgabe. Wohin genau, dafür gibt es derzeit zwei Antworten.


Erste Antwort: Das Werkzeug wird Datenlieferant

Die einfachste Variante ist die, die ich selbst erlebt habe. Der Anbieter öffnet eine Schnittstelle, der Assistent holt sich die Daten, die Oberfläche wird optional.

Für Anbieter mit echter Substanz ist das keine Bedrohung, sondern eine Ausweitung. Ihre Daten werden häufiger abgerufen, weil die Hürde des Aufrufens sinkt. Was sie verlieren, ist die Bindung über Gewohnheit. Was bleibt, ist der Wettbewerb über Datenqualität, Aktualität und Abdeckung. Ein härterer Wettbewerb, aber ein ehrlicherer.

Diese Variante bedient allerdings nur die Gruppe, die ich oben beschrieben habe. Fachleute mit eigenem Setup. Für alle anderen ist damit nichts gewonnen.


Zweite Antwort: Die Oberfläche liefert ein Ergebnis statt Daten

Die zweite Variante schließt genau diese Lücke.

Ein Beispiel aus dem SEO-Umfeld ist RankYak. Der Dienst zeigt keine Datenoberfläche zum Durchklicken. Er sucht Keywords, plant Inhalte, schreibt Artikel, baut Verlinkungen auf und veröffentlicht direkt auf der Website des Kunden. Adressiert wird ausdrücklich, wer weder ein eigenes SEO-Team noch Agenturbudget hat. Der Preis liegt in der Größenordnung einer einzelnen Tool-Lizenz.

Bemerkenswert ist, dass der Anbieter beide Antworten gleichzeitig gibt. Im Produkt sitzt ein Assistent, der auf Keywords, Kalender, Artikel und Suchperformance zugreift und Änderungen ausführt, die der Nutzer sonst selbst vornehmen müsste. Nach außen stellt der Dienst einen eigenen MCP Server bereit, über den sich externe Assistenten anbinden lassen. Wer ein eigenes Setup hat, greift von außen zu. Wer keines hat, bleibt im Produkt.

Drei Oberflächen im Vergleich, vom dichten Datenraster über den Dialog bis zum fertigen Ergebnis mit einem Knopf

Das ist die eigentliche Lehre. Die beiden Antworten schließen sich nicht aus, sie bedienen verschiedene Nutzer. Und die zweite ist die anspruchsvollere, weil sie eine Entscheidung verlangt, die kein Protokoll abnimmt: Welches Ergebnis schuldet man dem Kunden eigentlich?


Wo die Grenze verläuft

Damit daraus keine Empfehlung wird, die ich so nicht geben würde, gehört eine Einschränkung dazu.

Wer Themenauswahl, Priorisierung und Qualitätsurteil vollständig auslagert, gibt Urteilsvermögen ab. Bei austauschbaren Inhalten ist das unkritisch und wirtschaftlich vernünftig. Bei erklärungsbedürftigen Leistungen, bei denen fachliche Genauigkeit über den Abschluss entscheidet, ist es riskant. Ein System, das alles selbst entscheidet, entscheidet auch dann weiter, wenn es falsch liegt, und niemand merkt es, solange die Zahlen stimmen.

Geteilte Oberfläche, links vom System ausgefüllte Felder, rechts ein leeres Eingabefeld für die menschliche Entscheidung

Die brauchbare Unterscheidung ist die zwischen Entscheidungsgrundlage und Entscheidung. Ein Dienst, der analysiert, bewertet und aufbereitet, nimmt Arbeit ab und lässt das Urteil beim Menschen. Ein Dienst, der auswählt, schreibt und veröffentlicht, nimmt auch das Urteil mit.

Ich habe im vergangenen Jahr selbst einen KI-gestützten Analysedienst gebaut und mich für die erste Variante entschieden. Technisch steckt einiges darin: ein Server mit n8n für die Ablaufsteuerung, eine Vektordatenbank, die Anbindung an ein Sprachmodell, Keyword- und Rankingdaten aus externen Quellen. Für den Kunden ist davon nichts sichtbar. Er füllt ein Formular aus und bekommt eine Analyse. Was daraus folgt, entscheidet er selbst.

Diese Grenze zu ziehen war die eigentliche Arbeit. Nicht die Automatisierung, sondern die Entscheidung, wo sie aufhört.


Drei Kriterien für einen brauchbaren Zugang

Aus dieser Arbeit und aus der Beobachtung der Dienste, die derzeit entstehen, haben sich drei Kriterien als tragfähig erwiesen.

Das erste betrifft die Bedienung. Eine Fähigkeit muss sich in natürlicher Sprache oder über eine klar benannte Handlung auslösen lassen. Wenn jemand vorher verstehen muss, welche Parameter er übergibt, ist die Lösung für Fachleute gebaut, nicht für Kunden.

Das zweite betrifft die Erlaubnis. Zugriffe auf Daten und Konten müssen sich so freigeben lassen, wie man sich heute mit einem bestehenden Konto bei einem Dienst anmeldet. Verständlich, sichtbar, widerrufbar. Wer Schlüssel in Konfigurationsdateien verlangt, verliert alle bis auf die Entwickler.

Das dritte betrifft das Ergebnis. Es muss dort ankommen, wo ohnehin gearbeitet wird. Im Postfach, im Dokument, im Kalender. Nicht in einem weiteren Portal mit einem weiteren Passwort.


Die Frage, die bleibt

Ich halte nichts von der Aufforderung, jetzt alles umzubauen. Die meisten Unternehmen haben dringendere Baustellen als ein Protokoll, dessen Name in zwei Jahren vielleicht ein anderer ist.

Eine Frage halte ich dagegen für dringend, und sie lässt sich ohne jede Technologie beantworten. Wenn unsere Oberfläche morgen niemand mehr öffnet, was bleibt dann von unserem Produkt übrig?

Wer darauf eine klare Antwort hat, hat den schwierigen Teil hinter sich. Die technische Anbindung ist dann Handwerk. Wer keine Antwort hat, gewinnt auch mit dem besten Protokoll nichts, weil sich Unklarheit nicht standardisieren lässt.

 
 
 

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